Synkope oder Krampfanfall, männlich 25 Jahre

Beim heutigen Fall handelt es sich um eine Einsendung von Notarzt Antonio.

Stell dir vor, du kommst zu einem gemeldeten Krampfanfall. Auf der Anfahrt gibt dir die Leitstelle die Rückmeldung, dass der Patient wieder das Bewusstsein erlangt hat und ihr euch nicht überstürzen sollt. Beim Patienten handelt es sich um einen 25 jährigen jungen Mann. Dieser war gerade beim Einkaufen und wurde zuckend vorm Milchregal von engagierten Ersthelfer*innen gefunden. Der Anfall habe circa 30 Sekunden gedauert, danach sei er wieder direkt voll da gewesen. Einen Zungenbiss und auch das Einnässen fehlen. Die Untersuchung nach dem ABCDE- Schema ergibt keine Auffälligkeiten. Bei deiner Anamnese kommt heraus, dass sich bei ihm in der Familie einige Fälle von Plötzlichem Herztod ergeben haben ohne das hierbei eine genauere Ursache bekannt wurde.

Ein 12-Kanal EKG ergibt folgendes:


HF 73 bpm


Was vermutest du als Ursache für die kurzzeitige Bewusstlosigkeit?

Welche EKG-Veränderungen fallen dir auf?



Interpretation:

P-Wellen sind in Ableitung II zu erkennen. Sie treten rhythmisch auf und jede von ihnen wird von einem QRS-Komplex beantwortet. Es handelt sich um einen normfrequenten Sinusrhythmus mit einer Herzfrequenz von 73/min. Soweit so gut für einen Mann Mitte zwanzig. Ins Auge fallen schnell die verbreiterten QRS-Komplexe und eine sehr merkwürdige Morphologie (Form) in V1-V3. Diese ähnelt auf den ersten Blick dem kompletten Rechtsschenkelblock. Jedoch irgendwie auch nicht.

Das EKG ist diagnostisch für das Brugada-Syndrom vom Typ 1. Es handelt sich hierbei um eine genetische Störung, welche die spannungsabhängigen Natriumkanäle des Herzens betrifft. Patienten mit einem solchen Brugada-Syndrom haben ein hohes Risiko für ventrikuläre Rhythmusstörungen bis hin zum Kammerflimmern. Innerklinisch kann es durch den Ajmalin-Test bestätigt werden. Bei Ajmalin handelt es sich um ein Klasse-I-Antiarrhythmikum, welches das typische EKG-Bild noch stärker zum Vorschein bringen kann. In unserem Fall ist das EKG schon sehr eindeutig.

Es gibt bisher keine medikamentöse Therapie des Brugada-Syndroms. Die einzige Möglichkeit die malignen Tachykardien zu beenden ist die Implantation eines ICD (Implantierbarer Kardioverter-Defibrillator). Bei der Synkope mit Muskelzuckungen hat es sich also vermutlich um eine zugrundeliegende VT (Ventrikuläre Tachykardie) gehandelt. Durch den Abfall des HZV (Herzzeitvolumens) kam es zur Synkope mit begleitenden Myoklonien.


Das Brugada-Syndrom kann im EKG in drei verschiedene Typen eingeteilt werden. Unser Patient hat sich mit dem Typ 1 präsentiert




Abschlussdiagnose:

kardiogene (rhythmogene) Synkope bei Brugada-Syndrom

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